**Nathan Milstein – Der Perfektionist der Violine**
Nathan Milstein zählt zweifellos zu den größten Geigern des 20. Jahrhunderts. Obwohl die Musikwelt es schwer hat, einen „größten“ Geiger zu bestimmen – zu subjektiv sind die Vorlieben und zu individuell die Stile der großen Meister –, gehört Milstein ohne Zweifel zur absoluten Weltspitze. Sein makelloses Spiel, seine unverwechselbare Technik und seine künstlerische Eigenständigkeit haben ihn zu einer Legende gemacht.
### **Die Anfänge – Ein Wunderkind aus Odessa**
Nathan Milstein wurde am 31. Dezember 1904 in Odessa geboren, einer Stadt, die viele bedeutende Musiker hervorbrachte. Schon früh zeigte sich sein außergewöhnliches Talent, und er erhielt seine erste musikalische Ausbildung bei Pjotr Stoliarsky, demselben Lehrer, der auch David Oistrach unterrichtete. Später folgte die Ausbildung bei Leopold Auer, einer der führenden Violinpädagogen seiner Zeit.
Milstein war jedoch kein Schüler, der sich blind den Lehrmethoden seiner Lehrer unterwarf. Schon früh entwickelte er eine eigene spieltechnische Handschrift, die ihn von anderen Auer-Schülern unterschied. Während viele Geiger der sogenannten „Russischen Schule“ die von Auer entwickelte Bogenhaltung übernahmen, begann Milstein, sich von diesen strengen Vorgaben zu lösen. Besonders auffällig war seine geschmeidige Bogenführung, die es ihm ermöglichte, Übergänge und Phrasierungen mit einer einzigartigen Sanftheit und Präzision zu gestalten.
### **Der Weg in den Westen**
Nach der Russischen Revolution begann Milstein seine Karriere mit Konzertreisen durch die Sowjetunion – anfangs in Begleitung eines jungen, damals noch unbekannten Pianisten namens Wladimir Horowitz. Doch bald zog es ihn in den Westen. 1925 verließ er die Sowjetunion und lebte in Berlin, Brüssel und Paris, bevor er 1929 schließlich in die USA emigrierte.
Dort sah er sich einer Konkurrenz gegenüber, die kaum größer hätte sein können. Die Geigenwelt wurde zu jener Zeit von Giganten wie Jascha Heifetz, Mischa Elman und Fritz Kreisler dominiert, während aufstrebende Talente wie Yehudi Menuhin die etablierten Maßstäbe neu definierten. Trotz seines brillanten Debüts mit dem Philadelphia Orchestra unter Leopold Stokowski blieb ihm der ganz große Durchbruch zunächst verwehrt.
### **Der späte Triumph**
Milstein ließ sich davon nicht beirren. Über Jahrzehnte hinweg verfeinerte er sein Spiel, schärfte sein künstlerisches Profil und entwickelte einen Stil, der ihn von seinen Zeitgenossen unterschied. Während seine frühen Kritiker sein Spiel als „roh“ und „ungestüm“ beschrieben, wandelte sich sein Klangbild mit den Jahren. Seine Interpretationen gewannen an Tiefgang, sein Ton an Wärme und Ausdruckskraft.
In den 1940er-Jahren gelang ihm schließlich der Durchbruch in die absolute Weltelite der Violine. Kritiker und Publikum feierten seine makellose Technik, seine differenzierte Dynamik und seine interpretatorische Intelligenz. Besonders seine Darbietungen der Werke von Johann Sebastian Bach wurden als herausragend angesehen. Seine Interpretation der berühmten „Chaconne“ aus der Partita Nr. 2 in d-Moll gilt bis heute als eine der besten, die jemals aufgenommen wurden.
### **Ein Virtuose mit Perfektionismus**
Milstein war bekannt für seine fast pedantische Perfektion. Er war stets auf der Suche nach der optimalen Klangqualität, probierte neue technische Ansätze aus und feilte unermüdlich an seinen Interpretationen. Besonders auffällig war seine unvergleichliche Bogenführung: Während andere Geiger zwischen Auf- und Abstrich klare Übergänge setzten, verschmolzen bei Milstein diese Bewegungen fast nahtlos miteinander. Dies führte zu einem außerordentlich geschmeidigen, kantilenenhaften Spiel, das ihn unverwechselbar machte.
Seine Tempi waren oft straffer als bei anderen Violinisten seiner Zeit, was seinen Interpretationen eine besondere innere Spannung verlieh. Dabei verlor er jedoch nie den musikalischen Ausdruck aus den Augen – Virtuosität war für ihn kein Selbstzweck, sondern stets ein Mittel, um die Musik in ihrer Essenz zum Ausdruck zu bringen.
### **Ein Vermächtnis für die Ewigkeit**
Nathan Milstein spielte bis ins hohe Alter. Erst ein Handgelenkbruch zwang ihn im Jahr 1987, seine Karriere zu beenden. Er verstarb am 21. Dezember 1992 im Alter von 87 Jahren in London.
Sein musikalisches Erbe lebt jedoch weiter. Zahlreiche Aufnahmen, insbesondere seine legendären Bach-Interpretationen, sind bis heute Referenzaufnahmen. Auch als Komponist hinterließ er Spuren: Seine eigene Transkription von Paganinis 24. Caprice gehört zu den beeindruckendsten technischen Leistungen eines Violinisten.
Milstein war kein Geiger der lauten Gesten oder übertriebenen Emotionen – er war ein Künstler, der Perfektion und Ausdruckskraft auf einzigartige Weise verband. Mit seiner unnachahmlichen Technik und seinem tiefen musikalischen Verständnis hat er sich in die Geschichte der Geigenkunst eingeschrieben. Bis heute gilt er als einer der stilistisch reinsten und technisch perfektesten Geiger aller Zeiten.
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